Kinder- und Jugendbereich
Kinder- und Jugendbereich
Kinder und Jugendliche, die mit ihren Müttern gemeinsam zu uns ins Frauenhaus flüchten, sind Personen mit einer eigenen Misshandlungsgeschichte. Kinder sind häufig anwesend, wenn es zu Gewalt kommt, wenn der Vater die Mutter bedroht, sie anschreit, beleidigt, wenn er mit Gegenständen auf sie wirft oder sie schlägt.
Selbst wenn sie nicht Augenzeugen sind, hören sie oft, was im anderen Zimmer passiert. Sie registrieren, wie die Mutter sich unterordnet, wie sie versucht ihn zu besänftigen, sie sehen die Verletzungen oder sie bekommen zum Beispiel mit, wie sie erzählt sie sei auf der Treppe ausgerutscht.
Die Mama hat geweint und Papa hat geschrien und ich habe mich unter der Bettdecke versteckt.
Teilweise sind sie selbst in die Gewalt gegenüber der Mutter mit einbezogen. Sie bekommen Schläge ab, weil die Mutter sie auf dem Arm hat, der Papa hält sie als „Geisel“, damit die Mutter, das tut, was der Vater will, oder sie werden aufgefordert, gegen die Mutter zu handeln,....
Ich bin immer weg gelaufen, nach draußen, wenn mein Vater böse war zu meiner Mutter. Aber meine Mutter will, dass ich zu ihm gehe, denn ich bin ein türkischer Junge.
Manche Kinder versuchen ihre Mütter zu beschützen und werden dabei selbst misshandelt.
Mein Vater hat meine Mutter blutig geschlagen. Mich hat er auch oft geschlagen. Ich bringe ihn um. Ich weiß wie das geht. Im Chat kenne ich genug Leute, die mir helfen werden.
Das Miterleben der häuslichen Gewalt ist für sie immer belastend und kann gravierende Folgen haben.
Diese reichen von Schulschwierigkeiten, Aggression, Schlafstörungen anderen Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Entwicklungsverzögerungen oder auch Traumatisierungen.
Sie nehmen auch eigene Gefühle kaum wahr und kennen deshalb ihre Grenzen nicht. Sie schützen ihre Mütter oder vermeintlich „Schwache“ und können dabei oft Konflikte nicht ohne Gewalt lösen.
Ich bleibe nicht ohne meine Mutter im Haus, wenn meine Mutter weg geht ohne mich könnte ihr etwas passieren.
Auch das Zerbrechen der Familie und der Verlust des gewohnten sozialen Umfelds durch die Flucht ins Frauenhaus belasten die Kinder und Jugendlichen.
So haben z. B. die Wenigsten die Möglichkeit, bei der Flucht von zu Hause Dinge mitzunehmen, die ihnen wichtig sind, wie z. B. Spielsachen, etc.
Ich rede hier mit niemandem. Ich muss sowieso dauernd umziehen. Ich will zu meinem Stiefvater. Der hat ein Haus und schenkt mir alles was ich will.
Auch müssen sich diejenigen, die nicht direkt aus Wiesbaden kommen, hier erst wieder einen neuen Freundeskreis aufbauen oder neue Bezugspersonen finden, was vielen schwer fällt.
Ich will meine Schule nicht wechseln. Wir konnten aber in meiner Heimatstadt nicht in ein Frauenhaus, weil ich zu alt bin. Was soll ich hier? In der alten Schule war mein Lehrer, der einzige, der sich wirklich um mich gekümmert hat. Ich will keine neue Schule!
Häufig fehlt es Kindern und Jugendlichen, die jahrelang häusliche Gewalt (mit-) erlebt haben, an Selbstbewusstsein und – vertrauen, um neue soziale Kontakte aufbauen zu können. Sie vermeiden es, aufgrund massiver Ängste, neue Erfahrungen zu machen.
Ich gehe in keinen Sportverein, dort kann mich sowieso keiner leiden und ich krieg immer Ärger.
Wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten. Um diesen Gewaltkreislauf zu durchbrechen führen wir viele Einzelgespräche und halten regelmäßig Kinder- und Jugendversammlungen ab. Die Kinder und Jugendlichen sollen Lebenskompetenz entwickeln, sich stabilisieren und dabei lernen sich anderen gegenüber angemessen zu verhalten.
Die Tatsache, dass unser Frauenhaus Jungen bis zu 18 Jahre auf nimmt, führt dazu, dass wir uns verstärkt mit der Konfliktlage männlicher Jugendlicher auseinander setzen müssen. Das Fehlen gewaltfreier männlicher Vorbilder ist zwar nicht allein das Problem von Jungen, aber diese orientieren sich besonders stark am hegemonialen Männerbild. Wir haben immer wieder die Erfahrung gemacht, dass männliche Jugendliche, aber auch schon kleine Jungen öfters dazu neigen sich zu über- und unterzuschätzen. Oft müssen sie ermutigt werden, sich selbst wahrzunehmen um Grenzüberschreitungen zu erkennen und in Konfliktsituationen auf Andere zuzugehen und ihre Wünsche argumentierend zu formulieren.
In unserem Frauenhaus leben die Kinder und Jugendlichen mit ihren Müttern in sehr beengten Verhältnissen, sie teilen sich mit ihren Müttern und Geschwistern ein Zimmer. Besonders für die Älteren ist das Fehlen von Rückzugsmöglichkeiten schwierig, z. B. wenn ein 10- Jähriger Hausaufgaben machen möchte und sein kleiner Bruder im Zimmer schläft und in der Küche und im Wohnzimmer die kleineren Kinder sind.
Schutz und Sicherheit für die Mutter und die psychosoziale Unterstützung für sie bedeutet auch Entlastung für die Kinder.
Im Frauenhaus werden die Kinder weiterhin durch ihre Mütter versorgt, sie haben jedoch den gleichen Bedarf an fachkompetenter Begleitung und Unterstützung wie ihre Mütter. Der Kinder- und Jugendbereich hat in unserem Frauenhaus deshalb den gleichen Stellenwert wie der Frauenbereich. Ziel der Begleitung und Unterstützung der Kinder ist, den Mädchen und Jungen während des Frauenhausaufenthalts eine Basis von Sicherheit, Schutz und Verlässlichkeit zu geben, um das Finden der eigenen Selbstsicherheit und das Vertrauen in die Umwelt wieder zu ermöglichen.
Eine feste Ansprechpartnerin und klare Zeiten und Strukturen sind dafür notwendig.